„Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Korinther 12,9).  

Ansgar Hörsting ist Präses im Bund Freier evangelischer Gemeinden Deutschland.  

Es ist Samstag, früher Abend. Ich freue mich auf einige gemütliche Stunden mit meiner Frau. Das Telefon klingelt. Eine mir entfernt bekannte Frau ist am Apparat. Ihr Vater wurde heute Nachmittag ins Krankenhaus eingeliefert. Es scheint dringlich zu sein. Die Zeit rinnt. Ich habe zwar keine Lust zu fahren und könnte mir die nächste Stunde anders vorstellen, als im Krankenhaus zu verbringen. Aber dann entscheide ich mich doch dafür, jetzt gleich zu fahren. Ich spüre, dass es so sein soll.   

Als Seelsorger bekomme ich Zugang zur Intensivstation. Bedrückende Enge, Schläuche, Verwandte, ein geistig abwesender Patient, bedrückte Stimmung. Nach kurzer Zeit fühle ich mich zunehmend unwohl und – das ist das Schlimmste – überflüssig. Mir wird kalt und heiß. Was mache ich hier? Warum bin ich eigentlich nicht zu Hause geblieben? Irgendwann ringe ich mich durch, lese ein Bibelwort und bete. Meine Worte kommen mir entsetzlich vor, ärmlich und überflüssig. Was erreicht den kranken Vater? Was erreicht die Angehörigen? Ich empfinde, dass gar nichts ankommt. Ich fühle mich nicht nur überflüssig sondern sogar störend, weil ich gar keine Stütze sein kann.   

Einige Tage später stirbt der Vater. Nach der Beerdigung ergibt sich ein Gespräch mit den Angehörigen. Sie kommen auf meinen Besuch im Krankenhaus zu sprechen. Ich höre die Worte, die ich erst gar nicht fassen kann. „Ihr Besuch im Krankenhaus in diesen ersten Momenten, als wir so haltlos waren, der war ganz wichtig für uns. Sie haben uns sehr geholfen. Sie waren nah bei uns und waren eine Stütze. Vielen Dank.“ Ich bin mir zuerst nicht sicher, wie ich das verstehen soll. Ist das ironisch gemeint? Wollen die mich auf den Arm nehmen? Irgendwann merke ich, dass sie das wirklich ernst meinen! Sie haben das so erlebt! Es war tatsächlich wichtig für sie, dass ich diesen Besuch machte. Sie haben ihn offenbar ganz anders erlebt als ich. Nähe, Wort Gottes und Gebet war für sie nicht hilfloses Stammeln, sondern Stärkung von Gott.   

Schlagartig wird mir klar, dass Gott mir gerade eine Lektion erteilt hat. Er gibt mir zu verstehen, dass er, der starke Gott, in den Schwachen mächtig ist. Es ist nicht nötig, dass ich selbstsicher daherkomme, denn das wird schnell zum Stolzieren. Es ist nicht nötig, routiniert seine Bibelverse aufzusagen, denn das wird schnell zum Abspulen hohler Phrasen. Es ist nicht nötig, immer souverän zu wissen, was gerade dran ist, denn das verringert die Abhängigkeit von Gott.  

Ähnliches habe ich immer wieder erlebt. Dabei war es niemals angenehm, sich schwach zu fühlen. Schwachheit tut weh. Was es bei Paulus war, als er den Korintherbrief schrieb, wissen wir nicht genau. Irgendeine Krankheit oder Schwäche machte ihm zu schaffen. Und – aufgemerkt! – er wurde sie nicht los. Im Gegenteil: Mitten in dieser Schwachheit verherrlicht sich Gott. Das ist nicht angenehm. Aber es ist real. Und gerade das lässt mich staunen.
Kommentare (0)
Einen Kommentar verfassen:
Name:*

Email:* (wird nicht angezeigt)

Website:

Text:*

Schreiben Sie bitte den Text ab:*